Der eigene Weg

Ana Aslan

Die Lebensgeschichte
Teil 12

 

 

1945 erhielt Ana Aslan einen Ruf als leitende Professorin an die medizinische Klinik in die im Westen des Landes gelegene Stadt Timissoara (Temeswar). Obwohl es ihr schwerfiel, Bukarest zu verlassen, die Hauptstadt, die ihr so vertraut war und in der sie inzwischen so viele Gönner hatte, nahm sie den Ruf an. Sie wusste, dass es an der Zeit für sie war, sich von ihren großen Vorbildern zu emanzipieren und ihren eigenen Weg einzuschlagen. Noch einmal ließ sie ihre Lehrmeister Revue passieren: Prof. Toma Ionescu, an dessen Seite sie während des Ersten Weltkriegs gearbeitet hatte und der sie seine „kleine Chirurgin“ genannt hatte. Er war ein mürrischer Mensch mit einem goldenen Herzen, dessen Menschlichkeit im Umgang mit seinen Patienten Anas Haltung besonders geprägt hat. Sie sollte jedoch nie Chirurgin werden. Prof. Gheorghe Marinescu, der große Neurologe und skurrile Charakter, bei dem sie das erste Mal mit der Geriatrie in Berührung gekommen war, und der sie nur schweren Herzens und nicht ohne Eifersucht an den jüngeren Kollegen Danielopolu abtrat: „Natürlich, jener Herr raubt mir alle meine guten Schüler!“ beschwerte er sich. Und schließlich also Prof. Daniel Danielopolu, den Ana oft als ihren wahren „Meister“ bezeichnet hat. Er war ein Geist von seltener Intelligenz und Wachheit, ein Logiker und Theoretiker und gleichzeitig ein schlichter Menschenkenner. Nur seine Arbeit interessierte ihn und Ana empfand sein Urteil oft wie das eines Rechtsanwaltes oder gar Richters. Nur allzu gern schaute sie zu dem unabhängigen Genie auf, spürte aber auch die Notwendigkeit, sich aus dem Schülerinnen-Lehrer Verhältnis zu befreien:

 

„Strahlendes Licht wirkt attraktiv auf den kreativen Geist und zieht ihn in seinen Bann. Aber es kann ihm auch die Sicht nehmen. Die stattlichsten Eichen werfen die größten Schatten, und unter ihren ausgreifenden Kronen gedeihen nur kleine Bäume. Ihre Samen sollte der Wind zu fruchtbareren Böden davontragen.“

 

<< zurück     weiter >>
Startseite > Ana Aslan > Der eigene Weg