Die Schulzeit

Ana Aslan

Die Lebensgeschichte
Teil 4

 

 

Portrait Dostojewski
Dostojewski
Portrait Balzac
Balzac
Darstellung Coanda
Coanda

Einen besonders großen Wert legten die Aslans auf die Ausbildung ihrer Kinder. Beide Brüder absolvierten das Polytechnikum in Dresden und wurden Ingenieure der Chemie. Der älteste Bruder starb im Alter von 25 Jahren. Er hinterließ eine Serie von Arbeiten über innovative Konzepte in der Zuckerindustrie. Auch der zweite Bruder machte sich einen Namen auf diesem Gebiet. Angela, die vier Jahre ältere Schwester, war künstlerisch begabt und mit einem besonderen Talent für die Malerei ausgestattet. Ana jedoch sollte den für damalige Verhältnisse für eine Frau ungewöhnlichsten Weg gehen.

 

Zwischen 1907 und 1910 besuchte sie die Grundschule und trat danach in das dem Elternhaus gegenüberliegende Romanescu Gymnasium ein. Dort lernte sie Arithmetik und Geometrie, Latein und Griechisch, ihre besondere Vorliebe aber galt der Literatur. Sie lernte die rumänischen Schriftsteller kennen, vertiefte sich jedoch vor allem in die Bücher Dostojewskis und des französischen Romanciers Balsac. Beide schilderten intensiv die menschliche Gefühlswelt, das Taumeln zwischen Glück und Unglück, zwischen Erfüllung und Verfall. Vom hoffnungslosen Ausgeliefertsein gegenüber dem eigenen Schicksal, einer elementaren Erfahrung, die die fiktiven Gestalten der Romanschriftsteller immer wieder durchleben müssen, wird sich Ana im realen Leben niemals in die Knie zwingen lassen.

 

Zunächst waren es noch die Herausforderungen einer jungendlichen Neugier, die Ana reizten. Als die Zeitungen plötzlich voll waren von Berichten über Aurel Vlaicu, den rumänischen Flugpionier, war Ana spontan begeistert und nahm sich sofort vor, Pilotin zu werden. Die Ausflüge zum Hafen reichten längst nicht mehr aus, um ihren Hunger nach Abenteuer zu stillen, und so setzte sie alles daran, ihre neue Idee zu verwirklichen. Sofia, ihre Mutter, war natürlich besorgt um Anas Sicherheit, andererseits hatte sie aber Verständnis und durchaus Sympathie für den Mut und die große Energie ihrer agilen Tochter, die ihr in so vielem ähnlich war. Kurz darauf bat sie schließlich einen Freund der Familie, den Piloten Andrei Popovici, Ana einmal auf einem Flug mitzunehmen. Außer sich vor Vorfreude reiste sie zusammen mit ihrem Vetter und ihrem älteren Bruder Sergiu nach Bukarest, wo sie Popovici auf dem Flugplatz in Cotroceni treffen sollten. Die ganze Fahrt über war Ana unruhig und befürchtete ständig, sie könnten zum Start der Maschine zu spät kommen. Die Jungen lachten sie aus und hänselten sie, indem sie ihr das Horrorszenario eines Absturzes ausmalten. Ana hatte keine Angst. Nichts konnte sie einschüchtern, nicht einmal der Anblick der kleinen Coanda-Bristol Maschine, die, das musste sie sich eingestehen, wenig vertrauenswürdig auf dem Rollfeld stand, und die sie wenig später mit in die Lüfte nehmen sollte. Sie war, wie sie selber einmal sagte, verrückt vor Erfahrungsdrang, und Narren haben keine Angst. Der Pilot ließ sie einsteigen und startete das Triebwerk. Ein bisschen neidisch sahen die beiden Jungen ihnen von unten nach, als die Maschine abhob. Der Flieger hielt mit seinem Können nicht hinterm Berg. Er hatte sich für Ana ein besonderes Showprogramm ausgedacht. Abrupt zog er die Maschine stark nach oben, inszenierte kurz darauf einen Sturzflug und drehte nach erneutem Anstieg wilde Loopings, kurz, er führte Ana sein ganzes Repertoir vor. Wer einmal in einer solchen Sportmaschine geflogen ist, weiß, wie sich mit den Loopings der Magen dreht. Ana gestand später ein, dass selbst ihr dabei ein wenig mulmig wurde. Dennoch war es ihr ein unvergessliches Erlebnis. Noch oft sollte sie in ihrem späteren Leben mit Passagierflugzeugen die ganze Welt bereisen, doch dieses atemberaubende Schwindelgefühl, der unvergleichliche Taumel der Lüfte von damals, blieb dabei aus. Nach der Landung sah ihr Popovici in das leicht blasse Gesicht und fragte triumphierend: „Na, sollen wir noch einmal fliegen?“ „Ich habe nichts dagegen einzuwenden“, antwortete sie dem verblüfften Piloten. Sergiu und ihr Vetter trauten ihren Augen nicht, als das Flugzeug ein zweites Mal zum Start anhob. Diesmal flog Popovici die Conda-Bristol sanft wie eine Möwe und Ana war nun gänzlich begeistert.

 

Später, in den 70er Jahren, lud der Barsilianer Quintero Ramirez sie einmal ein, bei einem Flug mit seinem Privatflugzeug den Dschungel des Amazonas aus der Luft zu betrachten. Als während des Flugs ein heftiger Sturm ausbrach, der die Maschine hin- und herschüttelte, erinnerte sich Ana Aslan an das Gefühl von damals und genoss sichtlich die Aufregung, während ein mitreisender Mitarbeiter die schlimmsten Minuten seines Lebens durchlebte.

 

Ihren Pilotenschein hat Ana nie erworben. Andere Ereignisse nahmen ihren Lauf.

 

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