Procain: eine Entdeckung

Ana Aslan

Die Lebensgeschichte
Teil 14

 

 

Gemälde - Lucas Cranach der Ältere: Jungbrunnen
Lucas Cranach der Ältere: Jungbrunnen

Im Jahre 1946 veröffentlichte Ana Aslan ihre erste Untersuchung zum Wirkstoff Procain. Die Idee hatte sie bereits während ihrer Tätigkeit als Kardiologin. Damals interessierte sie sich besonders für Arterienerkrankungen und behandelte ihre Patienten nach der Methode des bekannten französischen Chirurgen René Leriche, der gegen diese Erkrankungen Procain injizierte. In den Jahren 1946 bis 1949 erzielte sie sehr gute Therapieerfolge mit dieser Behandlung und begann nun damit, sie auch bei chronischen Arthroseerkrankungen, die meist erst im fortgeschrittenen Alter auftreten, einzusetzen. In Timissoara injizierte sie den betroffenen Patienten den Wirkstoff vaskulär und regelmäßig über einen längeren Zeitraum. Sie bemerkte bald eine leichte Linderung der Symptome, vor allem aber eine deutliche Verbesserung des Allgemeinbefindens der behandelten Patienten. Sie begannen, die Lust am Leben wieder zu entdecken, lasen, unterhielten sich angeregt und interessierten sich plötzlich wieder für ihre Zukunft und ihre Familien. Außerdem schienen sie einen tiefen und erholsamen Schlaf zu haben. Es lag also nahe, anzunehmen, dass Procain einen ganzheitlichen positiven Effekt in Bezug auf die psychophysische Verfassung der Patienten hatte und ihnen vor allem eines bescherte: eine höhere Lebensqualität. Die Grundlagen für die Entwicklung von Gero-H3-Aslan waren gelegt.

 

Aslan mit dem am Knie behandelten Studenten
Aslan mit dem am Knie behandelten Studenten

Einen Durchbruch verzeichnete Ana Aslan am 15. April 1949. Ein junger Medizinstudent mit einer schweren Kniearthrose kam in ihre Klinik. Er hatte große Schmerzen und konnte sein Knie seit drei Wochen nicht mehr bewegen. Sie weihte ihn in ihre Versuche mit Procain ein und bekam schließlich sein Einverständnis, ihm den Wirkstoff arteriell zu verabreichen. Sie injizierte ihm eine 1% Lösung und mußte nicht lange auf das Ergebnis warten, das an ein Wunder grenzte. Schlagartig konnte er das Knie wieder bewegen und sein Bein schmerzfrei ausstrecken. Sie setzte die Behandlung weitere zwei Wochen fort, bis der Student sich vollkommen erholt hatte.

 

Nach diesen eindeutigen Erfolgen begann Ana Aslan nachzudenken. In der Nähe der Klinik befand sich der Park von Timissoara. Hier saß sie oft nachmittags, wenn sie sich eine kurze Pause von ihrer Arbeit gönnte und sah den Alten zu. Da war beispielsweise immer dieses alte Ehepaar. Die beiden gingen stets mit kleinen Schritten aneinandergelehnt, um sich gegenseitig zu stützen. Sie redeten nie, aber ihre gealterten, faltigen Gesichter erzählten genug über ihre vielen gemeinsamen Jahre. Ein anderer älterer Herr saß - auf seine Krücken gestützt - auf einer Bank, den Kopf in den Händen haltend. Er verkörperte Verzweiflung. Warum, fragte sich Ana Aslan, sollte diesen Menschen nicht zu helfen sein? Immer wieder kehrte sie in den Park zurück. Sie fühlte tiefe Sympathie und Anteilnahme für diese Alten. Wenn der junge Student nach den Injektionen wieder laufen konnte, und die anderen Patienten sich nach regelmäßigen Behandlungen mit Procain lebendiger fühlten, warum sollte die Wirkung bei diesen hier nicht genauso positiv sein? Stattdessen hatte man sie abgeschrieben. Ana war wie besessen von dem Gedanken, ihnen zu helfen und sie ins Leben zurückzuholen.

 

Schließlich beschloß sie, mit ihren Ergebnissen nach Bukarest zu gehen. Prof Danielopolu riet ihr, Parhon umgehend in die Resultate ihrer Versuche einzuweihen. Sofort galt es diesem bei ihrem Bericht als erwiesen, dass Procain einen positiven Einfluss auf den Alterungsprozess habe. Er riet ihr, die Untersuchungen fortzusetzen und lud sie ein, die Leitung seiner Bukarester Experimentellen Abteilung zu übernehmen. Er würde alle notwendigen Vorkehrungen umgehend treffen, wenn sie nur zusagte! Es schien ihm genauso dringlich wie ihr selbst zu sein, und ein paar Monate später war sie zurück in Bukarest. Das Abenteuer hatte in Timossoara begonnen und erfuhr in der Hauptstadt seine Fortsetzung. Aber es war dort, wo der eigentliche Kampf erst beginnen sollte.

 

Als sie im Herbst 1949 ihre Ergebnisse der Rumänischen Akademie der Medizin präsentieren wollte, bemerkte sie, daß sich Neid unter den Kollegen breit gemacht hatte. Die Wissenschaftler Milcu, Lupu, Nicolau und Benetato argumentierten wie im Chor gegen sie. Sie forderten mindestens 25 Fälle als Beweis und lehnten es schließlich ab, Aslans Bericht bei der nächsten Sitzung der Akademie Gehör zu geben. Sie nahm den Rückschlag einigermaßen gelassen hin. Schließlich hatte Alzheimer seine Beobachtungen auf nur einen einzigen Fall gestützt und Hodgkin lediglich auf sechs. Beide hatten bekanntlich Recht behalten. Der ihr von Kindheit an eigene Kampfgeist machte sie gegen Niederlagen immun. Nach und nach sollten die Angriffe Ana nur noch ehrgeiziger machen. Das Leben wäre langweilig ohne Auseinandersetzungen, doch in nicht wenigen Fällen verließen die Streitigkeiten mit den Kollegen den akademischen Diskurs und wurden persönlich. Wie konnte eine Frau sich anmaßen, mit ihnen gleich tun zu wollen oder sie gar zu übertreffen? Großmütig verzieh sie bald den Kleingeistern.

 

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