Studienzeit

Ana Aslan

Die Lebensgeschichte
Teil 6

 

 

Ana Aslan in jüngeren Jahren
Ana Aslan in jüngeren Jahren

Trotz seines kaufmännischen Berufes war Margarit Aslan mehr Schöngeist als Geschäftsmann. Es fehlte ihm an tieferem Verständnis und an handfestem Interesse für das Finanzielle. Dazu kam offenbar eine ausgeprägte Spielsucht. Als er starb, war das gesamte Familienvermögen verschwendet, und schwierige Zeiten kamen auf die Hinterbliebenen zu. Das große Haus in Braila mußte verkauft werden, und die gesamte Familie zog nach Bukarest um. Hier absolvierte Ana die drei letzten Schuljahre auf der renommierten Zentralschule der Hauptstadt und legte 1915 das Abitur ab.

 

Zu Anfang des 20. Jahrhunderts war es äußerst ungewöhnlich für eine junge Frau, Medizin zu studieren. In Rumänien schien man sogar noch in besonderem Maße konservativen gesellschaftlichen Regeln verpflichtet zu sein, die für Frauen eine Karriere in der Wissenschaft nicht vorsahen. Die lange und arbeitsintensive Studienzeit stand einer als ideal betrachteten Entwicklung zur Ehefrau und Mutter entgegen. Anas Wunsch, den Beruf der Ärztin zu ergreifen, spaltete die Familie. Ihre Mutter war in Anbetracht der Dauer der Universitätsausbildung dagegen. Außerdem verfügte die Familie nicht über die nötigen finanziellen Mittel. Vor allem aber war ein Krankenhaus, so war sich die Mutter sicher, nicht der passende Ort für eine junge Dame. An dieser Stelle kam es zwischen Mutter und Tochter, die doch so viele charakterliche Ähnlichkeiten besaßen, zum unerbittlichen Machtkampf. Obwohl Ana ihre Mutter Sofia über alles liebte, stellte sie sich mit aller Macht gegen sie und griff schließlich zu einem drakonischen Mittel, um ihren Willen durchzusetzen: sie trat in einen Hungerstreik!

 

Teils aus Liebe und Besorgnis um ihr Kind, teils aus Bewunderung für Anas Zähigkeit, gab Sofia schließlich nach und willigte ein. Die überglückliche Ana nahm bereits am folgenden Tag den Zug nach Bukarest. Am 13. Oktober 1915 wurde sie dort an der medizinischen Fakultät der Universität aufgenommen und musste, entgegen ihren Befürchtungen, nicht einmal Studiengebühren entrichten, weil ihre Mutter Witwe und ohne Einkommen war. Später sagte sie in einer erstaunlichen Mischung von Aberglauben und Intelligenz, dass ihr die Zahl 13 immer Glück gebracht habe.

 

Das erste Studienjahr war hart. Nach der eindringlichen Beschäftigung mit Osteologie, der Lehre vom Knochensystem, ging es regelmäßig in den Sezierraum. Dort war es stickig und dunkel, und von den zu untersuchenden Leichen ging ein schier unerträglicher Geruch aus. Ihre Aufbewahrung war unzureichend gekühlt, was in dem außergewöhnlich warmen Herbst 1915 besonders unangenehm auffiel. Nichtsdestotrotz führte Anas Berufung sie Tag für Tag an den Seziertisch. Die Labyrinthe aus Nerven-, Gefäß und Muskelsträngen, die sie hier erforschen durfte, faszinierten sie. Ihre Einsicht, dass die anatomischen Strukturen des menschlichen Körpers ein geniales Konstrukt der Natur darstellten, ließ sie alles Widrige vergessen.

 

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