Timissorara

Ana Aslan

Die Lebensgeschichte
Teil 13

 

 

Portraitfoto Parhon
Parhon
Ana mit Parhon
Ana mit Parhon
Fachzeitschrift
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Das Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, in dem die Klinik von Timissoara untergebracht war, glich eher einer Gefängnisfestung als einem Krankenhaus. Dort gab es 200 Betten und hohe Wände mit kleinen Fenstern. Nur ab und zu gelang es einzelnen Sonnenstrahlen, hier einzudringen. Der Haupteingang war bewacht von einem massiven, mittelalterlichen Holztor, das zu einem geometrisch angelegten Innenhof führte. Dies alles sorgte für eine altertümliche und einschüchternde Atmosphäre. Das Klinikpersonal war natürlich unglaublich gespannt darauf, die neue Leiterin kennenzulernen. Es war außergewöhnlich, dass eine Frau eine solche Position einnahm, und so konnte man nicht anders, als sie sich als distanzierte, rigide Person vorzustellen. Das Erstaunen war folglich groß, als eine elegante Dame mit einem warmherzigen Lächeln den Raum betrat. Das Eis der Ehrfurcht und der angespannten Erwartungen begann sofort zu schmelzen. Hier handelte es sich nicht um eine strenge Halbgöttin in weiß, sondern um eine engagierte Ärztin, die stets nahe bei ihren Patienten war und große Anteilnahme an deren Leiden zeigte. Sie bezog das gesamte Personal in ihre Untersuchungen mit ein und legte großen Wert auf den Bericht aller empirischen Beobachtungen innerhalb der Klinik. Sie vermittelte ihren untergebenen Mitarbeitern, dass Theorie ohne Praxis wertlos ist und Wissenschaft ohne Anbindung an den konkreten, lebendigen Menschen sinnlos.

Der Samstag war ein Tag, dem das Klinikpersonal mit Freuden entgegensah. An diesem Tag rief Ana Aslan regelmäßig zu einer medizinischen Frage- und Diskutierrunde zusammen, und es kam zum offenen Erfahrungsaustausch zwischen ihr und den Kollegen. Anhand einzelner Fälle in der Klinik führte sie das Für und Wider bestimmter Behandlungsmethoden vor Augen. Auf diese Weise ließ sie ihre Mitarbeiter an ihren reichen Erfahrungen teilhaben, was besonders für die jüngeren Kollegen von unschätzbarem Wert war. Die Tradition der „Samstagsrunde“ wurde an der Klinik in Timissoara für immer beibehalten. Ihre größte Innovation in Timissoara bestand aber darin, einen komplett neuen, modernen und den Ansprüchen einer medizinischen Klinik gerechten Krankenhausbau zu fordern und durchzusetzen. Die „Neue Klinik“, diesen Namen sollte sie noch Jahrzehnte nach ihrem Bau behalten, war nach den Standards der modernen Krankenhausplanung konzipiert. Sie besaß multifunktionale Räume, große Fenster und eine praktische Infrastruktur.

 

Während dieser Zeit befasste sich Ana Aslan eingehend mit den Studien des Neurologen Constantin L. Parhon, der nach dreißigjährigen klinischen Experimenten zu der Ansicht gelangt war, dass Altern eine Krankheit sei, die behandelt werden könne. „Wenn der Mensch vor dem Ablauf seiner Lebensuhr stirbt, muss dieser frühe Tod krankheitsbedingt sein. Und Krankheiten kann man heilen.“ Parhon war Direktor des Instituts für Endokrinologie (Drüsenkrankheiten) in Bukarest. Ana fuhr einmal monatlich in die Hauptstadt, um mit ihm zu sprechen. Parhon war ein Pionier der Gerontologie. Er glaubte an die Möglichkeit der „Verjüngung“ und bestritt, dass das Leben ein Prozess sei, der wie eine Einbahnstrasse nur in eine Richtung verlief. Seine Patienten behandelte er mit epiphysischen Pflanzenextrakten (epiphysisch = aufgepfropft, also von aufgepfropften Pflanzen stammend), mit Keimdrüsenpräparaten, mit Insulin und Vitamin E. 1909 hatte er sein erstes Buch über Endikronologie veröffentlicht, 1955 kam „Die Biologie des Alters“ heraus, das in zahlreiche Sprachen der Welt übersetzt wurde. Der Wunsch nach Überwindung des Todes mag unrealistisch erscheinen oder eher dem Bereich der Religion und des Glaubens anzugehören als der seriösen Wissenschaft. Sein eigentliches Potential besteht aber im Glauben an die Veränderbarkeit der Welt zu einer besseren. Es war diese Überzeugung, die Ana Aslan und Constantin L. Parhon gemeinsam hatten, und die sie in ihren Forschungen tatsächlich auf Ergebnisse stoßen ließen, die zwar nicht zum ewigen Leben führten, den Prozess des Alterns aber zeitlich verzögern und vor allem lebendiger und menschenwürdiger gestalten können.

 

Parhon setzte seine Überzeugungen auch im politischen Leben in die Tat um. Am 2. April 1948 wurde er Staatsoberhaupt der „Republika Populara România“ (der Volksrepublik Rumänien).

 

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