Die Vorbilder. 2) Prof. Gheorge Marinescu

Ana Aslan

Die Lebensgeschichte
Teil 8

 

 

Portraitbild Prof. Gheorge Marinescu
Prof. Gheorge Marinescu

Als sie 1919, im dritten Jahr ihrer medizinischen Ausbildung, nach Bukarest zurückkam, bewarb sie sich bei dem großen rumänischen Neurologen Prof. Gheorge Marinescu und bekam eine Anstellung als Assistenzärztin. Während ihrer Zeit dort durchlief sie die Stationen der Neurologie, Pediatrie, Chirurgie, die Gynäkologie, sowie die Abteilungen für Haut- und Gefäßkrankheiten, für Infektionskrankheiten und für Innere Medizin. Sie war für eine ihr zugeteilte Anzahl von Patienten zuständig, die sie diagnostizierte, und denen sie erste therapeutische Maßnahmen verordnete. Stets wartete sie ungeduldig auf die Visite des jeweiligen Chefarztes, den sie dann mit Fragen nur so bombardierte. Diese Studienzeit beschrieb sie später als die fruchtbarste ihrer Ausbildung. Sie war für alles zuständig, hatte aber Lehrer, an die sie sich wenden konnte, und die letztlich die Verantwortung trugen für Entscheidungen, die ihre Erfahrung noch überforderten. Sie befragte die „Meister“, wie sie ihre Vorgesetzten nannte, mit Genauigkeit und unstillbarem Interesse. Während der Visiten war sie ganz Augen und Ohren und übernahm von ihren ausnahmslos männlichen Vorbildern alles, was sie mit Sinnen und Verstand aufnehmen konnte.

 

Der renommierteste und genialste unter ihnen war zweifelsohne der Prof. Gheorghe Marinescu selbst. Von ihm, der in der „Rumänischen Gesellschaft für Medizin“ eine anerkannte Persönlichkeit war, hörte Ana Aslan das erste Mal von der Geriatrie. Aufbauend auf Forschungen und Studien über das menschliche Nervensystem, hatte er 1909 in Paris das Buch „Die Nervenzelle“ veröffentlicht, das sich ausführlich mit dem Thema der Alterungsprozesse des Gehirns auseinandersetzt. Darin beschrieb er, wie die Altersschwäche der einzelnen Nervenzelle, die mit dem allgemeinen Alterungsprozess einhergeht, auf ultrafeine Veränderungen in der Zellstruktur zurückzuführen ist. Der geniale Mann hatte dabei durchaus seine kuriosen Seiten. Er kam jeden Tag um sechs Uhr in der Früh und war immer der letzte, der das Labor verließ. Jedoch sah er Busse oder gar Taxen als viel zu teuer an und kam deshalb in der Regel mit dem Auto des Milchmanns, der ihn auf dem Weg zur Auslieferung der Frühstücksmilch für die Patienten irgendwo auf der Straße aufsammelte. Neben Prof. Toma Ionescu und Prof. Daniel Danielopolou, ihrem späteren Doktorvater, kann wohl auch Marinescu als einer von Anas „Übervätern“ gelten. Seine spätere Veröffentlichung „Das Problem des Alterns und des natürlichen Todes“ (erschienen 1924) ist ihr mit den Worten gewidmet: „Für Dr. Ana Aslan, als Zeichen der Anerkennung ihrer Verdienste in der Erforschung der Nervenphysiologie und der chronischen Krankheiten. Ich bin der Überzeugung, dass der natürliche Tod als naturgegeben anzusehen ist und das Altern an sich als natürlicher, notwendiger Prozess.“ Das Buch hatte einen Ehrenplatz in ihrem Bücherregal, und sie griff später oft darauf zurück, während sie in ihrem eigenen Schaffen doch versuchte, den Vorhersagen ihres Lehrmeisters Einhalt zu gebieten und in den Prozeß des Alterns lebensverlängernd einzugreifen.

 

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