Weitergabe von Erfahrungen und Wissen

Ana Aslan

Die Lebensgeschichte
Teil 20

 

 

Mitarbeiterbesprechung in Ana Aslans Büro
Mitarbeiterbesprechung in Ana Aslans Büro

Bereits von 1959 an war es Ana Aslan ein Anliegen, das gesamte Kollegium mindestens einmal jährlich zum Erfahrungsaustausch zu versammeln. Sie organisierte Symposien, Konferenzen und runde Tische, während der alle Forscher und Ärzte des Instituts aufgefordert waren, ihre Hypothesen, Versuchsreihen und Ergebnisse sowie ihre Erfahrungen im Umgang mit den Patienten ausführlich vor allen anderen darzustellen. Angesichts dessen, dass es sich bei der Geriatrie um eine sehr junge Wissenschaft handelte, hielt sie diesen transparenten Weg des Erfahrungsaustausches und der Weitergabe von Wissen für unerlässlich. Stets kamen dabei neue klinische und therapeutische Besonderheiten zur Sprache und als Nebeneffekt verbesserte sich die Zusammenarbeit in den Teams der Wissenschaftler, die bei diesen Gelegenheiten lernten, konstruktive Gespräche zu führen, anstatt sich, wie dies so oft geschieht, in Konkurrenzkämpfen zu erschöpfen.

 

Von 1980 an organisierte sie jährlich die „Tage der Gerontologie und Geriatrie“. Sie war nicht einverstanden mit den fachlichen Trennungen, die besonders in Europa die Gerontologie in separate Fachgebiete aufspaltete. Vehement vertrat sie ihren ganzheitlichen Ansatz, der besagte, dass ein guter Gerontologe auch gleichzeitig ein guter Soziologe und ein guter Psychologe sein muss. Sie kann also auch in punkto interdisziplinäres wissenschaftliches Arbeiten als absolute Vorreiterin gelten. Hoch erfreut war sie daher angesichts des späteren Zustandekommens der „Erste(n) Multidisziplinäre(n) Konferenz für Gerontologie“ im englischen Brighton im September 1987. Die allererste Frage des Leiters der Konferenz, Sir Ferguson-Anderson, war daher: „Wo zum Teufel ist Prof. Ana Aslan?“ Bedauerlicherweise konnte sie aus Krankheitsgründen an dem bahnbrechenden Ereignis, für das sie selber sich so unermüdlich eingesetzt hatte, schon nicht mehr teilnehmen.

 

Nach einem erschöpfenden Kampf mit den Zensurbehörden des Ceausescu-Regimes, der oftmals schon verloren geglaubt war, erschien im März 1980 das „Rumänische Journal für Gerontologie und Geriatrie“, ein wichtiges Organ zur Veröffentlichung und Verbreitung der Forschungsergebnisse des Instituts innerhalb der internationalen medizinischen Gemeinschaft. Ana Aslan zeichnete die ersten 1.000 Briefe, mit denen das Journal verschickt wurde, persönlich ab. Es gelangte in die Fachbibliotheken der medizinischen Fakultäten, zu international anerkannten Wissenschaftlern sowie in andere Institute für Gerontologie und Geriatrie und war quasi das einzig verbliebene offene Fenster zur westlichen bzw. internationalen Fachwelt. Bis heute ist es die einzige verlässliche Quelle für die Dokumentation der Forschungsergebnisse des Instituts in Bukarest.

 

Foto - Ana Aslan

Im Alter von 80 Jahren dachte und handelte Ana Aslan noch wie eine 40jährige. Sie kämpfte dafür, dass Gerontologie und Geriatrie an der Universität zu einem selbstständigen medizinischen Fachbereich erklärt und Ärzte in dieser Richtung ausgebildet würden, um sich spezialisieren zu können. Sie forderte mindestens einen unabhängigen Lehrstuhl für Gerontologie sowie die Überarbeitung der Examenskriterien für Mediziner. Beide Anfragen wurden von der Ehefrau des Diktators, Elena Ceausescu, die die erfolgreiche Wissenschaftlerin Ana Aslan offen anfeindete, abgeschmettert. Zahlreiche Anfragen richtete sie auch an das Ministerium für Erziehung und an das Gesundheitsministerium. Sie blieben entweder unbeantwortet oder wurden mit ungenauen, ausweichenden Antworten bedacht.

 

Auch im Allgemeinen hatten sich die Arbeitsbedingungen des Instituts erheblich erschwert. Seit der Machtergreifung Nicolae Ceausescu hatte sich Rumänien allmählich von einem kommunistischen in ein totalitäres System verwandelt. Dies wurde auch in Ana Aslans Umfeld spürbar. Die Möglichkeiten zur freien Forschung verschlechterten sich von Jahr zu Jahr, und auch Parhons Einfluß ließ nach. Der Druck des Regimes Ceausescu auf das Institut wurde zunehmend stärker. Schließlich mußte der Fortbestand des von Ana Aslan entwickelten Gesundheitssystems für das rumänische Volk als gefährdet angesehen werden. Mit den in Rumänien verbliebenen reduzierten Möglichkeiten personeller und finanzieller Art konnte sie ihre Forschungen nicht mehr nach ihren Vorstellungen weiterführen. Im Bestreben, ihr Lebenswerk zu retten, übertrug sie nach und nach große Teile ihres „Know-hows“ und ihrer Unterlagen auf die in Deutschland, in Olsberg im Sauerland, gegründete „Deutsche ASLAN Gesellschaft e.V.

 

Aus einer Reihe von Gründen wurde der Termin für die „Erste Nationale Konferenz für Gerontologie und Geriatrie“ zweimal verschoben. Ana Aslan war ihre Präsidentin und hatte sich drei Jahre lang auf dieses wissenschaftliche Ereignis vorbereitet, ja sie sah es gar als wichtigstes Ereignis der gesamten Institutsgeschichte an. Schließlich sollte die Konferenz vom 9. – 11. Juni 1988 unter internationaler Beteiligung abgehalten werden. Die dort versammelten Vorträge aus den Bereichen der Ethik und Ästhetik, der vergleichenden Anthropologie, der Chronobiologie sowie der gerontologischen Philosophie waren revolutionär. Ana Aslan konnte nicht unter den Anwesenden sein. Das lang aufgeschobene Schicksal hatte sie schließlich ereilt. Ihr Geist war jedoch in jedem Moment präsent und ihr Name wurde auf dieser Konferenz zur Legende.

 

Die Odyssee des Instituts für Gerontologie und Geriatrie Bukarest war keine einfache Fahrt und oftmals erlitt seine beispielhafte Entwicklung Erschütterungen. Allen Schwierigkeiten offen ins Auge blickend sprach Ana Aslan dann oftmals die folgenden Worte:

 

„Ich werde bis ans bittere Ende für die Wahrheit und für meine Ideen kämpfen. Mein stetiges Motto lautet: Arbeit, Wahrheit, Licht!“

 

Im Mai 1988 starb Prof. Ana Aslan in Rumänien im Alter von 91 Jahren unter bis heute ungeklärten Umständen.

 

<< zurück     weiter >>
Startseite > Ana Aslan > Weitergabe von Erfahrungen und Wissen