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„Ich weiss, dass ich Recht habe:
Meine Therapie ist der Schlüssel für Vitalität, Mobilät, Kraft und Lebensfreude bis ins hohe Alter!“

Ana Aslan

Die Lebensgeschichte von Ana Aslan

Autorin: Saskia Draxler

 

Das Lebenswerk der Ärztin und Alterswissenschaftlerin Prof. Dr. Dr. Ana Aslan wurde bereits zu ihren Lebzeiten in der ganzen Welt bekannt. Studien, die Prof. Aslan über die Steigerung der Leistungsfähigkeit unter Anwendung der eigens von ihr hierfür entwickelten Behandlungen erstellte, weisen schon in den 60er und 70er Jahren den Nutzen gezielter Therapien, Substanzen und Wirkstoffe sowie von rechtzeitiger Prävention aus.

 

Ana Aslan hatte sich nicht nur auf die Behandlung der vielen älteren und in Altersheimen lebenden Menschen konzentriert, nein - ganz im Gegenteil -, sie engagierte sich in beispielloser Art für die arbeitende Bevölkerung und die Erhaltung der Arbeitskraft in den Unternehmen.

    Ana Aslan - Braila an der Donau

    Braila ist eine rumänische Hafenstadt und liegt an der Donau, nicht weit entfernt von ihrer Mündung ins Schwarze Meer. Die ländliche Region um Braila bildet den östlichen Teil der Walachei, der von den transsilvanischen Alpen begrenzt wird. Hier soll im 15. Jahrhundert der Legende zufolge Vlad Tepes, besser bekannt als Graf Dracula, regiert haben. Inzwischen ist Braila ein wichtiges industrielles Zentrum mit mehr als 230.000 Einwohnern. Vom Ende des 16. Jahrhunderts bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts jedoch war es eine malerische Kleinstadt, die einem geschäftigen, orientalischen Handelsstützpunkt glich. Um die Warenlager und Kornspeicher im Hafen und um die Niederlassungen der ausländischen Handelskompanien herrschte Tag und Nacht reger Betrieb. Die belebten Marktplätze im Inneren der Stadt waren gesäumt mit Buden und Lädchen, in denen man Importwaren sowie regionale Spezialitäten kaufen konnte. Neben Bäckereien wie Honigkuchen, Ingwerplätzchen und dem beliebten „Cosonac“, einem Hefezopf mit Rosinen und Kakaopulver, der in Rumänien vor allem an Weihnachten gegessen wird, bestand das Gros der feilgebotenen Waren aus exotischen Gewürzen und bunten Stoffen. Miniaturgebirge aus Nüssen, Rosinen, Currypulver und Chilischoten türmten sich auf den hölzernen Tischen, neben Körben voller Früchte und Bündeln erlesener Kleiderstoffe. Über allem summte das vielfältige Sprachengemisch der italienischen, griechischen, französischen und türkischen Händler. Das Neben- und Durcheinander der Nationalitäten sorgte für ein kosmopolitisches Flair. Außerdem hatte sich in Braila ein außerordentlich reiches kulturelles Leben um Theater, Kunst und Literatur etabliert. Kurz: Das Städtchen pulsierte.

     

    In diese lebendige und weltoffene Atmosphäre wurde am 1. Januar 1897 Ana Aslan als Tochter des Kaufmanns Margarit Aslan und seiner Frau Sofia geboren. Von ihren insgesamt fünf Kindern überlebten vier, zwei Jungen, Bombonel und Sergiu und zwei Mädchen, Angela und Ana. Ana war von den Kindern das jüngste und, wie sich bald herausstellen sollte, das neugierigste und ehrgeizigste.

    Die Eltern

    Margarit Aslan stammte von rumänischen Eltern ab. Er kam aus einer Familie, die bekannte Persönlichkeiten der Wissenschaft und der Literatur hervorgebracht hatte und war mit einem feinen Sinn für Eleganz und Ironie ausgestattet. Die Abende nach dem Tagesgeschäft im Kornhandel verbrachte der gutmütige Mann und liebevolle Vater am liebsten mit seinen intellektuellen Freunden, mit Poeten, Künstlern und Musikern im eigenen Hause. Bei Anas Geburt war Margarit Aslan bereits 59 Jahre alt. Als Nesthäkchen wurde sie von ihm besonders verwöhnt, nicht zuletzt, weil sie ihm als Beweis für seine späte Jugend und Manneskraft galt. Stets betrachtete er sie mit stolzer Zuneigung, und so entspann sich zwischen Ana und ihrem Vater eine ausgesprochen intensive Beziehung. Sie liebte ihn abgöttisch und eiferte ihm nach Kräften nach. Seine Anerkennung spornte ihren Ehrgeiz an, so dass sie sich zu einem echten Wunderkind entwickelte. Bereits mit vier Jahren konnte sie lesen und schreiben. Sie war ernst und weniger verspielt als gleichaltrige Kinder, ging gern in die Schule, war couragiert und konnte sich gut durchsetzen. Die kleine Ana interessierte sich nicht für Puppen und Kinderspiele, sie wollte vielmehr am Leben und an den Gesprächen der Erwachsenen teilnehmen. Sie liebte es, dabei zu sein, wenn die Eltern in ihrem Hause Gäste empfingen und mit ihnen angeregte Diskussionen über Kunst und Politik, meist in französischer Sprache, führten.

     

    Anas Mutter Sofia, geborene Popovici, entstammte einer alten Familie aus der Bukovina. Sie war 25 Jahre jünger als ihr Ehemann, besaß eine beeindruckend schöne, elegante Erscheinung und gleichmäßige, stets ausgeglichene Gesichtszüge. Sie sprach fließend Deutsch, Französisch, Russisch und Polnisch und wie ihr Mann so liebte auch sie klassische Musik und Literatur. Darüber hinaus spielte sie Schach und fuhr sogar Rad.

     

    Sie entwarf und schneiderte eigenhändig die Garderobe für sich und ihre Kinder, eine Fähigkeit, die Ana von ihr übernahm und trotz ihres ausgefüllten Arbeitsalltags später ihr ganzes Leben lang beibehielt. Sofia Aslan war voller Elan und Lebensfreude. Nichts schien für sie unmöglich zu sein. Ana erbte ihren Kampfgeist, ihren Mut und ihr großes Durchhaltevermögen, das ihr später helfen sollte, bei Rückschlägen nicht zu resignieren.

    Abenteuer Kindheit

    Die Aslans lebten in der Tradition des Kleinadels, aus dem Sofia abstammte. Sie bewohnten ein verhältnismäßig geräumiges Haus mit zwölf Zimmern. Dazu zählten ein Wohnzimmer mit einem Kamin aus weißem Marmor, ein kleiner Salon mit Klavier, ein türkisch möbliertes Zimmer mit weichen Sofas und orientalischen Wasserpfeifen, sowie ein Zimmer für Gäste, ein großes Esszimmer und die vier Schlafzimmer der Kinder. Im oberen Stockwerk wohnten Vater und Mutter zusammen mit dem „guten Hausgeist“, einer alten, nervenkranken Tante, die den märchenhaften Namen „Nènufura“ trug. Im Winter versammelte man sich vorm knisternden Kaminfeuer im Wohnzimmer. Margarit las den Kindern Märchen von Ileana Cosinzeana vor und Sofia, die fließend deutsch sprach, die der Gebrüder Grimm und Hans Christian Andersons. Ana und Angela spielten zusammen Klavier und manchmal stimmte Sergiu mit der Violine dazu ein.

     

    Eines Tages brach ein Brand im Hause Aslan aus. Eine Kerze war vom Klavier gefallen und hatte die Vorhänge in Flammen gesetzt. Der älteste Sohn Sergiu weckte die Nachbarn und alarmierte die Feuerwehr. Alle verließen fliehend das Haus, alle außer Ana, die gar nicht daran dachte, das geliebte Zuhause dem Feuer zu überlassen. Nachdem sich die Aufregung gelegt hatte, fand man sie in der Küche, wo sie seelenruhig einen Topf mit Wasser füllte, um mutig und entschlossen den Flammen entgegenzutreten.

     

    Das Elternhaus hatte keinen Garten, aber im Frühling und Sommer, wenn ganz Braila grün wurde und einem Blumenmeer glich, zog es die Geschwister zum Spielen nach draußen in den nahegelegenen Stadtpark. Weit lieber jedoch lief Ana zum Hafen, dessen geschäftiges Treiben sie faszinierte. Stundenlang konnte sie dem Feilschen der Händler zuhören und das Hin- und Her der Waren sowie das Ein- und Ausfahren der beladenen Schiffe beobachten.

    Die Schulzeit

    Einen besonders großen Wert legten die Aslans auf die Ausbildung ihrer Kinder. Beide Brüder absolvierten das Polytechnikum in Dresden und wurden Ingenieure der Chemie. Der älteste Bruder starb im Alter von 25 Jahren. Er hinterließ eine Serie von Arbeiten über innovative Konzepte in der Zuckerindustrie. Auch der zweite Bruder machte sich einen Namen auf diesem Gebiet. Angela, die vier Jahre ältere Schwester, war künstlerisch begabt und mit einem besonderen Talent für die Malerei ausgestattet. Ana jedoch sollte den für damalige Verhältnisse für eine Frau ungewöhnlichsten Weg gehen.

     

    Zwischen 1907 und 1910 besuchte sie die Grundschule und trat danach in das dem Elternhaus gegenüberliegende Romanescu Gymnasium ein. Dort lernte sie Arithmetik und Geometrie, Latein und Griechisch, ihre besondere Vorliebe aber galt der Literatur. Sie lernte die rumänischen Schriftsteller kennen, vertiefte sich jedoch vor allem in die Bücher Dostojewskis und des französischen Romanciers Balsac. Beide schilderten intensiv die menschliche Gefühlswelt, das Taumeln zwischen Glück und Unglück, zwischen Erfüllung und Verfall. Vom hoffnungslosen Ausgeliefertsein gegenüber dem eigenen Schicksal, einer elementaren Erfahrung, die die fiktiven Gestalten der Romanschriftsteller immer wieder durchleben müssen, wird sich Ana im realen Leben niemals in die Knie zwingen lassen.

     

    Zunächst waren es noch die Herausforderungen einer jungendlichen Neugier, die Ana reizten. Als die Zeitungen plötzlich voll waren von Berichten über Aurel Vlaicu, den rumänischen Flugpionier, war Ana spontan begeistert und nahm sich sofort vor, Pilotin zu werden. Die Ausflüge zum Hafen reichten längst nicht mehr aus, um ihren Hunger nach Abenteuer zu stillen, und so setzte sie alles daran, ihre neue Idee zu verwirklichen. Sofia, ihre Mutter, war natürlich besorgt um Anas Sicherheit, andererseits hatte sie aber Verständnis und durchaus Sympathie für den Mut und die große Energie ihrer agilen Tochter, die ihr in so vielem ähnlich war. Kurz darauf bat sie schließlich einen Freund der Familie, den Piloten Andrei Popovici, Ana einmal auf einem Flug mitzunehmen. Außer sich vor Vorfreude reiste sie zusammen mit ihrem Vetter und ihrem älteren Bruder Sergiu nach Bukarest, wo sie Popovici auf dem Flugplatz in Cotroceni treffen sollten. Die ganze Fahrt über war Ana unruhig und befürchtete ständig, sie könnten zum Start der Maschine zu spät kommen. Die Jungen lachten sie aus und hänselten sie, indem sie ihr das Horrorszenario eines Absturzes ausmalten. Ana hatte keine Angst. Nichts konnte sie einschüchtern, nicht einmal der Anblick der kleinen Coanda-Bristol Maschine, die, das musste sie sich eingestehen, wenig vertrauenswürdig auf dem Rollfeld stand, und die sie wenig später mit in die Lüfte nehmen sollte. Sie war, wie sie selber einmal sagte, verrückt vor Erfahrungsdrang, und Narren haben keine Angst. Der Pilot ließ sie einsteigen und startete das Triebwerk. Ein bisschen neidisch sahen die beiden Jungen ihnen von unten nach, als die Maschine abhob. Der Flieger hielt mit seinem Können nicht hinterm Berg. Er hatte sich für Ana ein besonderes Showprogramm ausgedacht. Abrupt zog er die Maschine stark nach oben, inszenierte kurz darauf einen Sturzflug und drehte nach erneutem Anstieg wilde Loopings, kurz, er führte Ana sein ganzes Repertoir vor. Wer einmal in einer solchen Sportmaschine geflogen ist, weiß, wie sich mit den Loopings der Magen dreht. Ana gestand später ein, dass selbst ihr dabei ein wenig mulmig wurde. Dennoch war es ihr ein unvergessliches Erlebnis. Noch oft sollte sie in ihrem späteren Leben mit Passagierflugzeugen die ganze Welt bereisen, doch dieses atemberaubende Schwindelgefühl, der unvergleichliche Taumel der Lüfte von damals, blieb dabei aus. Nach der Landung sah ihr Popovici in das leicht blasse Gesicht und fragte triumphierend: „Na, sollen wir noch einmal fliegen?“ „Ich habe nichts dagegen einzuwenden“, antwortete sie dem verblüfften Piloten. Sergiu und ihr Vetter trauten ihren Augen nicht, als das Flugzeug ein zweites Mal zum Start anhob. Diesmal flog Popovici die Conda-Bristol sanft wie eine Möwe und Ana war nun gänzlich begeistert.

     

    Später, in den 70er Jahren, lud der Barsilianer Quintero Ramirez sie einmal ein, bei einem Flug mit seinem Privatflugzeug den Dschungel des Amazonas aus der Luft zu betrachten. Als während des Flugs ein heftiger Sturm ausbrach, der die Maschine hin- und herschüttelte, erinnerte sich Ana Aslan an das Gefühl von damals und genoss sichtlich die Aufregung, während ein mitreisender Mitarbeiter die schlimmsten Minuten seines Lebens durchlebte.

     

    Ihren Pilotenschein hat Ana nie erworben. Andere Ereignisse nahmen ihren Lauf.

    Die Entscheidung

    Als Margarit Aslan im Alter von 72 Jahren an unaufhaltsam fortschreitender Lungentuberkulose starb, war Ana gerade erst 13 Jahre alt. Verzweifelt und ohnmächtig musste sie zusehen, wie der geliebte Vater an der Krankheit erbärmlich zugrunde ging, ohne dass ihm die damalige Medizin helfen konnte. Das einschneidende Erlebnis erschütterte sie dermaßen, dass sie beschloss, diese Ohnmacht zu bekämpfen. Ihre Berufung, Medizin zu studieren und sich nach dem Abschluss des Studiums besonders der Gerontologie zuzuwenden, stand hiermit fest. Wenn sie auch den Tod des Vaters nicht rückgängig machen konnte, so wollte sie doch fortan im Dienste der Menschheit nach den Möglichkeiten eines lebendigen, leidensfreien und menschenwürdigen Alterns forschen. Sie beschloss, von nun an dem scheinbar Unabwendbaren im Älterwerden eines Menschen, der Krankheit und dem Tod, den Kampf anzusagen. Der schmerzliche Verlust des wichtigsten Menschen in ihrem jungen Leben hat ihre Zukunft prägend beeinflusst und sie buchstäblich von einem Moment auf den anderen endgültig erwachsen werden lassen. Ihre Kindheit endete somit früh und mit einer starken Entscheidung. Den Schmerz des Verlustes sollte sie von nun an in pure Arbeitsenergie umwandeln.

    Studienzeit

    Trotz seines kaufmännischen Berufes war Margarit Aslan mehr Schöngeist als Geschäftsmann. Es fehlte ihm an tieferem Verständnis und an handfestem Interesse für das Finanzielle. Dazu kam offenbar eine ausgeprägte Spielsucht. Als er starb, war das gesamte Familienvermögen verschwendet, und schwierige Zeiten kamen auf die Hinterbliebenen zu. Das große Haus in Braila mußte verkauft werden, und die gesamte Familie zog nach Bukarest um. Hier absolvierte Ana die drei letzten Schuljahre auf der renommierten Zentralschule der Hauptstadt und legte 1915 das Abitur ab.

     

    Zu Anfang des 20. Jahrhunderts war es äußerst ungewöhnlich für eine junge Frau, Medizin zu studieren. In Rumänien schien man sogar noch in besonderem Maße konservativen gesellschaftlichen Regeln verpflichtet zu sein, die für Frauen eine Karriere in der Wissenschaft nicht vorsahen. Die lange und arbeitsintensive Studienzeit stand einer als ideal betrachteten Entwicklung zur Ehefrau und Mutter entgegen. Anas Wunsch, den Beruf der Ärztin zu ergreifen, spaltete die Familie. Ihre Mutter war in Anbetracht der Dauer der Universitätsausbildung dagegen. Außerdem verfügte die Familie nicht über die nötigen finanziellen Mittel. Vor allem aber war ein Krankenhaus, so war sich die Mutter sicher, nicht der passende Ort für eine junge Dame. An dieser Stelle kam es zwischen Mutter und Tochter, die doch so viele charakterliche Ähnlichkeiten besaßen, zum unerbittlichen Machtkampf. Obwohl Ana ihre Mutter Sofia über alles liebte, stellte sie sich mit aller Macht gegen sie und griff schließlich zu einem drakonischen Mittel, um ihren Willen durchzusetzen: sie trat in einen Hungerstreik!

     

    Teils aus Liebe und Besorgnis um ihr Kind, teils aus Bewunderung für Anas Zähigkeit, gab Sofia schließlich nach und willigte ein. Die überglückliche Ana nahm bereits am folgenden Tag den Zug nach Bukarest. Am 13. Oktober 1915 wurde sie dort an der medizinischen Fakultät der Universität aufgenommen und musste, entgegen ihren Befürchtungen, nicht einmal Studiengebühren entrichten, weil ihre Mutter Witwe und ohne Einkommen war. Später sagte sie in einer erstaunlichen Mischung von Aberglauben und Intelligenz, dass ihr die Zahl 13 immer Glück gebracht habe.

     

    Das erste Studienjahr war hart. Nach der eindringlichen Beschäftigung mit Osteologie, der Lehre vom Knochensystem, ging es regelmäßig in den Sezierraum. Dort war es stickig und dunkel, und von den zu untersuchenden Leichen ging ein schier unerträglicher Geruch aus. Ihre Aufbewahrung war unzureichend gekühlt, was in dem außergewöhnlich warmen Herbst 1915 besonders unangenehm auffiel. Nichtsdestotrotz führte Anas Berufung sie Tag für Tag an den Seziertisch. Die Labyrinthe aus Nerven-, Gefäß und Muskelsträngen, die sie hier erforschen durfte, faszinierten sie. Ihre Einsicht, dass die anatomischen Strukturen des menschlichen Körpers ein geniales Konstrukt der Natur darstellten, ließ sie alles Widrige vergessen.

    Die Vorbilder. 1) Prof. Toma Ionescu

    Eines Tages, als sie die schwer zugängliche innere Maxilla Arterie mitsamt ihren feinen Verbindungen freizulegen versuchte, hatte Ana Aslan ihre erste bahnbrechende medizinische Idee. Sie injizierte ein Kontrastmittel, so dass die filigranen Verbindungen besser sichtbar wurden und erzielte mit diesem einfachen Mittel eine überzeugende Wirkung. Professor Toma Ionescu war beeindruckt, als er die Genauigkeit der Sezierung zu Gesicht bekam und bestand darauf, den Studenten kennenzulernen, der dafür verantwortlich war. Wie erstaunt war er, als man ihm Ana Aslan vorstellte, die einzige weibliche Studentin der gesamten Fakultät! Für den Fall, dass sie diesen Weg weiterverfolgen sollte, prophezeite er ihr eine große Karriere auf dem Gebiet der Chirurgie und lud sie ein, zu ihm in seine Klinik zu kommen, wann immer sie dazu bereit wäre.

     

    1916 trat Rumänien als Teil der Entente an der Seite Frankreichs, Großbritanniens und Russlands in den Ersten Weltkrieg ein. Ana wurde als „Freiwillige“ an die Front bei Lasi berufen. Dort arbeitete sie zunächst in der Abteilung für Infektionskrankheiten des Militärkrankenhauses. Später wurde sie in die Chirurgie versetzt, wo sie Prof. Toma Ionescu wiedertreffen sollte, der sie fortan seine „kleine Chirurgin“ nannte, und der wohl als Anas erster in einer Reihe von „Ersatzvätern“ gelten darf. So wie als Kind die Liebe zum Vater ihren Wissensdrang anfeuerte, so sollten in ihrem weiteren Leben Begegnungen mit großen Männern, die sie – nun allerdings ihrer medizinischen Leistungen wegen – bewunderte, stets beflügelnd auf sie wirken. Toma Ionescu war ein großes Vorbild für Ana Aslan, die gerade erst begonnen hatte, die ersten beruflichen Karriereschritte in der Medizin zu machen, und er blieb es für immer. Die Zeit im Militärkrankenhaus war für ihre Entwicklung in vielerlei Hinsicht wichtig. Wie viele Verwundete hatte sie hinter der Front verbunden und behandelt! Die Medizin hatte für sie niemals nur wissenschaftlichen Wert, sondern vor allem menschlichen: ethischen, moralischen und gestaltenden Wert. In ihrer Tätigkeit als Ärztin setzte sie sich ein für ein besseres Leben der Menschen. Die Zeit des Krieges mit seinem sinnlosen Grauen würde sie nicht mehr aus ihrer Erinnerung verlieren.

    Die Vorbilder. 2) Prof. Gheorge Marinescu

    Als sie 1919, im dritten Jahr ihrer medizinischen Ausbildung, nach Bukarest zurückkam, bewarb sie sich bei dem großen rumänischen Neurologen Prof. Gheorge Marinescu und bekam eine Anstellung als Assistenzärztin. Während ihrer Zeit dort durchlief sie die Stationen der Neurologie, Pediatrie, Chirurgie, die Gynäkologie, sowie die Abteilungen für Haut- und Gefäßkrankheiten, für Infektionskrankheiten und für Innere Medizin. Sie war für eine ihr zugeteilte Anzahl von Patienten zuständig, die sie diagnostizierte, und denen sie erste therapeutische Maßnahmen verordnete. Stets wartete sie ungeduldig auf die Visite des jeweiligen Chefarztes, den sie dann mit Fragen nur so bombardierte. Diese Studienzeit beschrieb sie später als die fruchtbarste ihrer Ausbildung. Sie war für alles zuständig, hatte aber Lehrer, an die sie sich wenden konnte, und die letztlich die Verantwortung trugen für Entscheidungen, die ihre Erfahrung noch überforderten. Sie befragte die „Meister“, wie sie ihre Vorgesetzten nannte, mit Genauigkeit und unstillbarem Interesse. Während der Visiten war sie ganz Augen und Ohren und übernahm von ihren ausnahmslos männlichen Vorbildern alles, was sie mit Sinnen und Verstand aufnehmen konnte.

     

    Der renommierteste und genialste unter ihnen war zweifelsohne der Prof. Gheorghe Marinescu selbst. Von ihm, der in der „Rumänischen Gesellschaft für Medizin“ eine anerkannte Persönlichkeit war, hörte Ana Aslan das erste Mal von der Geriatrie. Aufbauend auf Forschungen und Studien über das menschliche Nervensystem, hatte er 1909 in Paris das Buch „Die Nervenzelle“ veröffentlicht, das sich ausführlich mit dem Thema der Alterungsprozesse des Gehirns auseinandersetzt. Darin beschrieb er, wie die Altersschwäche der einzelnen Nervenzelle, die mit dem allgemeinen Alterungsprozess einhergeht, auf ultrafeine Veränderungen in der Zellstruktur zurückzuführen ist. Der geniale Mann hatte dabei durchaus seine kuriosen Seiten. Er kam jeden Tag um sechs Uhr in der Früh und war immer der letzte, der das Labor verließ. Jedoch sah er Busse oder gar Taxen als viel zu teuer an und kam deshalb in der Regel mit dem Auto des Milchmanns, der ihn auf dem Weg zur Auslieferung der Frühstücksmilch für die Patienten irgendwo auf der Straße aufsammelte. Neben Prof. Toma Ionescu und Prof. Daniel Danielopolou, ihrem späteren Doktorvater, kann wohl auch Marinescu als einer von Anas „Übervätern“ gelten. Seine spätere Veröffentlichung „Das Problem des Alterns und des natürlichen Todes“ (erschienen 1924) ist ihr mit den Worten gewidmet: „Für Dr. Ana Aslan, als Zeichen der Anerkennung ihrer Verdienste in der Erforschung der Nervenphysiologie und der chronischen Krankheiten. Ich bin der Überzeugung, dass der natürliche Tod als naturgegeben anzusehen ist und das Altern an sich als natürlicher, notwendiger Prozess.“ Das Buch hatte einen Ehrenplatz in ihrem Bücherregal, und sie griff später oft darauf zurück, während sie in ihrem eigenen Schaffen doch versuchte, den Vorhersagen ihres Lehrmeisters Einhalt zu gebieten und in den Prozeß des Alterns lebensverlängernd einzugreifen.

    Die Vorbilder. 3) Prof. Daniel Danielopolou

    1921 stellte sie sich dem Examen in innerer Medizin und belegte unter 32 Kommilitonen den 1. Platz.

     

    Prof. Daniel Danielopolou, der den Vorsitz der Prüfungskomission innehatte, beglückwünschte sie auf die ihm eigene, sehr direkte Weise: „Ich gratuliere ihnen, junge Dame, zur Erlangung des 1. Platzes bei diesen Prüfungen, obwohl ich offen gesagt bedaure, dass nicht ein junger Mann ihn an ihrer Stelle erreicht hat.“ 1922 legte Ana Aslan ihre Staatsexamina ab und ging als Präparator an die Bukarester Klinik II, die von Danielopolou geleitet wurde, der auch ihr Doktorvater wurde. Für ihn arbeitete sie als Stationsärztin sowie als Universitätsassistentin. Er weihte sie in die Geheimnisse der klinischen Medizin ein und unter ihm formten sich auch ihre wissenschaftlichen Ansichten aus, die die Grundlage für ihre akademische Karriere wurden. Immer war es ihr Ziel, so viel wie nur möglich zu lernen. Sie war besessen von allem Unerforschten und nahm sich vor, ihm den Schleier zu nehmen. Immer rannte sie hinter der nächsten Einsicht, der nächsten Erkenntnis her. In dieser Zeit begann sie noch höchstens zu ahnen, dass all dies dazu diente, sie auf ihr eigentliches Zielgebiet, die Gerontologie und die Geriatrie, vorzubereiten.

    Politische Ansichten

    Die zwei Jahrzehnte zwischen den beiden Weltkriegen waren mit die wichtigsten der modernen rumänischen Geschichte. In dieser Zeit galt Rumänien als Kalifornien Europas. Die „Insel der Latinität“, die 2.000 Jahre überlebt hatte, strotzte nur so vor geistiger Kraft und Freiheit. 1921 wurde die erste demokratische Verfassung eingeführt. Nicolae Titulescu, der Außenminister, war designierter Präsident des Bunds der Vereinten Nationen. Er initiierte den „kleinen atlantischen Pakt“ von 1920-1921. Teile Moldaviens gingen an Rumänien zurück, nachdem die Türken sie zugunsten Russlands vor Zeiten aufgegeben hatten. Bukarest wurde „Klein Paris“ genannt, Sinfonieorchester und Theaterproduktionen hatte permanent Saison und die rumänischen medizinischen Zentren erlangten Berühmtheit. Kein Wunder, dass man Besuch von Kollegen aus ganz Europa bekam. Für einige Jahrhunderte war Rumänien der Schutzwall Westeuropas gegen das Ottomanische Reich gewesen. In Yalta gelangte es unter sowjetischen Einfluss; unter den Konsequenzen daraus hatte es mehr als 40 Jahre zu leben.

    Ana Aslan kommentierte die Geschehnisse aus ihrer Sicht: „Die Russen haben uns natürlich den Kommunismus hinterlassen..... Nach 1945 haben die Kommunisten aber das nördliche Moldavien und die nördliche Bukovina offen betrogen. Sie haben das Land schlicht aufgegeben, ohne jedoch den zuvor entwendeten Reichtum und die entwendeten Schätze zurückzugeben. Ich verstehe diese Politik nicht!“

     

    Während ihrer Zeit bei Prof. Danielopolu erforschte sie das vegetative Nervensystem von Menschen und Tieren. Sie war eine der ersten Wissenschaftler, die die plethysmographische Methode zur Erforschung des Blutkreislaufs anwandte. Zwei Jahre arbeitete sie an ihrer Doktorarbeit mit dem Titel: "Cercertari privind inervatia vazomatoare la om", übersetzt: „Zur Erforschung der Gefäßnerven.“ Danielopolu, zu dem sich inzwischen ein kollegiales und überaus fruchtbares Arbeitsverhältnis entwickelt hatte, versicherte ihr, die Arbeit sei hochinteressant und wies sie auf zahlreiche weiterführende theoretische und praktische Fragen hin, die mit dem Thema in Zusammenhang standen. 1924 verteidigte sie ihre Dissertation und erhielt den Titel "Doktor der Medizin“ mit magma cum laude. Trotz des Erfolges war sie unsicher, ob die medizinischen Fachjournale die wissenschaftlichen Artikel einer Frau ernst nehmen würden und bat Danielopolu, als ihr Ko-Autor aufzutreten. Wenige Monate später erschienen ihre Ausführungen gleich in mehreren Journalen. Ihren Namen zum ersten Mal auf Papier gedruckt zu sehen unter Worten, mit denen sie so sehr gekämpft hatte, machte sie überglücklich.

     

    1923 war Ana Aslan Gründungsmitglied der „Krankenhausgesellschaft Bukarest“, 1928 der „Gesellschaft für Neurovegetative Physiologie“. Auf Grund ihres Engagement in der medizinischen Gemeinschaft sowie ihrer wissenschaftlichen Arbeiten der 30er Jahre wurde ihr 1936 schließlich der Titel des Mitglieds der „Rumänischen Akademie der Medizin“ verliehen.

     

    Während des Zweiten Weltkriegs kümmerte sich Ana erneut um Verwundete und setzte gleichzeitig ihre Untersuchungen fort. Als praktizierende Ärztin in der eigenen Praxis, die sie im Elternhaus zu führen begann, war sie zwar geschätzt, hatte aber nicht viele Patienten. Prof. Danielopolu erklärte ihr, dass Frauen lieber von einem Mann untersucht und behandelt werden wollten, da sie Männern naturgemäß mehr Vertrauen entgegenbrächten. Eine Tatsache, die aus heutiger Sicht nur noch schwer einleuchtet. Den Männern, so Danielopolu weiter, werde es dagegen von ihren Ehefrauen aus moralischen Gründen verboten, mit intimen körperlichen Anliegen zu einer Frau zu gehen. Die anfängliche Enttäuschung über die ausbleibenden Patienten in der eigenen Praxis verflog mit dem stetigen Anwachsen ihrer Aufgaben.

    „Kaputte Spielzeuge“

    Zwischen 1936 und 1944 arbeitet sie als Leiterin der Kardiologie am Krankenhaus der CFR (der rumänischen Eisenbahn) und war gleichzeitig Chefärztin der klinischen Sektion der Universität am Philanthropischen Krankenhaus in Bukarest. Im CFR Krankenhaus befanden sich vorwiegend Betriebsangehörige im Ruhestand. Ana hatte einen intensiven Kontakt zu diesen älteren Menschen. Neben der üblichen Behandlung mit Medikamenten sorgte sie dafür, dass sie Bewegung und eine gesunde Ernährung erhielten sowie für die Verbesserung der äußeren Bedingungen im Haus. Sie kümmerte sich ausgesprochen liebevoll um ihre Patienten und war gleichzeitig fachlich hoch interessiert an ihren Krankengeschichten. Sie war der Meinung, dass sie viel von ihnen lernen konnte. Medizin ohne Bücher zu studieren, ist wie ohne Karte auf dem Ozean zu segeln. Aber Medizin ohne Patienten zu studieren ist, wie überhaupt nicht zu segeln. Das war ihre Philosophie. Sie freundete sich mit den ihr Anvertrauten an und betrachtete sie als „ihre Eltern“. Zu Neujahr 1938, an ihrem 51. Geburtstag, erhielt sie eine Glückwunschkarte, auf der zu lesen stand: „Mit tiefen Gefühlen der Dankbarkeit an Dr. Aslan, die mit Leidenschaft und Hingabe diese Spielzeuge behandelt, die das Leben mit seinen Anforderungen kaputt gemacht hat.“ Die Karte war von etlichen älteren Patienten unterzeichnet. Oft erinnerte sie sich an diese traurigen, poetischen Worte „kaputte Spielzeuge“. In ihnen lag eine Aufforderung, etwas zu tun für diese Menschen, eine Aufforderung, ihnen mehr Zeit zu widmen und oft fragte sie sich, ob man die „kaputten Spielzeuge“ nicht reparieren könne.

     

    1940 begann sie damit, Vorlesungen über Herzkrankheiten an der Universität von Bukarest zu halten und entwickelte sich zu einer anerkannten Spezialistin für kardiovaskuläre Krankheiten (Krankheiten der Herzgefäße).

    Der eigene Weg

    1945 erhielt Ana Aslan einen Ruf als leitende Professorin an die medizinische Klinik in die im Westen des Landes gelegene Stadt Timissoara (Temeswar). Obwohl es ihr schwerfiel, Bukarest zu verlassen, die Hauptstadt, die ihr so vertraut war und in der sie inzwischen so viele Gönner hatte, nahm sie den Ruf an. Sie wusste, dass es an der Zeit für sie war, sich von ihren großen Vorbildern zu emanzipieren und ihren eigenen Weg einzuschlagen. Noch einmal ließ sie ihre Lehrmeister Revue passieren: Prof. Toma Ionescu, an dessen Seite sie während des Ersten Weltkriegs gearbeitet hatte und der sie seine „kleine Chirurgin“ genannt hatte. Er war ein mürrischer Mensch mit einem goldenen Herzen, dessen Menschlichkeit im Umgang mit seinen Patienten Anas Haltung besonders geprägt hat. Sie sollte jedoch nie Chirurgin werden. Prof. Gheorghe Marinescu, der große Neurologe und skurrile Charakter, bei dem sie das erste Mal mit der Geriatrie in Berührung gekommen war, und der sie nur schweren Herzens und nicht ohne Eifersucht an den jüngeren Kollegen Danielopolu abtrat: „Natürlich, jener Herr raubt mir alle meine guten Schüler!“ beschwerte er sich. Und schließlich also Prof. Daniel Danielopolu, den Ana oft als ihren wahren „Meister“ bezeichnet hat. Er war ein Geist von seltener Intelligenz und Wachheit, ein Logiker und Theoretiker und gleichzeitig ein schlichter Menschenkenner. Nur seine Arbeit interessierte ihn und Ana empfand sein Urteil oft wie das eines Rechtsanwaltes oder gar Richters. Nur allzu gern schaute sie zu dem unabhängigen Genie auf, spürte aber auch die Notwendigkeit, sich aus dem Schülerinnen-Lehrer Verhältnis zu befreien:

     

    „Strahlendes Licht wirkt attraktiv auf den kreativen Geist und zieht ihn in seinen Bann. Aber es kann ihm auch die Sicht nehmen. Die stattlichsten Eichen werfen die größten Schatten, und unter ihren ausgreifenden Kronen gedeihen nur kleine Bäume. Ihre Samen sollte der Wind zu fruchtbareren Böden davontragen.“

    Timissorara

    Das Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, in dem die Klinik von Timissoara untergebracht war, glich eher einer Gefängnisfestung als einem Krankenhaus. Dort gab es 200 Betten und hohe Wände mit kleinen Fenstern. Nur ab und zu gelang es einzelnen Sonnenstrahlen, hier einzudringen. Der Haupteingang war bewacht von einem massiven, mittelalterlichen Holztor, das zu einem geometrisch angelegten Innenhof führte. Dies alles sorgte für eine altertümliche und einschüchternde Atmosphäre. Das Klinikpersonal war natürlich unglaublich gespannt darauf, die neue Leiterin kennenzulernen. Es war außergewöhnlich, dass eine Frau eine solche Position einnahm, und so konnte man nicht anders, als sie sich als distanzierte, rigide Person vorzustellen. Das Erstaunen war folglich groß, als eine elegante Dame mit einem warmherzigen Lächeln den Raum betrat. Das Eis der Ehrfurcht und der angespannten Erwartungen begann sofort zu schmelzen. Hier handelte es sich nicht um eine strenge Halbgöttin in weiß, sondern um eine engagierte Ärztin, die stets nahe bei ihren Patienten war und große Anteilnahme an deren Leiden zeigte. Sie bezog das gesamte Personal in ihre Untersuchungen mit ein und legte großen Wert auf den Bericht aller empirischen Beobachtungen innerhalb der Klinik. Sie vermittelte ihren untergebenen Mitarbeitern, dass Theorie ohne Praxis wertlos ist und Wissenschaft ohne Anbindung an den konkreten, lebendigen Menschen sinnlos.

     

    Der Samstag war ein Tag, dem das Klinikpersonal mit Freuden entgegensah. An diesem Tag rief Ana Aslan regelmäßig zu einer medizinischen Frage- und Diskutierrunde zusammen, und es kam zum offenen Erfahrungsaustausch zwischen ihr und den Kollegen. Anhand einzelner Fälle in der Klinik führte sie das Für und Wider bestimmter Behandlungsmethoden vor Augen. Auf diese Weise ließ sie ihre Mitarbeiter an ihren reichen Erfahrungen teilhaben, was besonders für die jüngeren Kollegen von unschätzbarem Wert war. Die Tradition der „Samstagsrunde“ wurde an der Klinik in Timissoara für immer beibehalten. Ihre größte Innovation in Timissoara bestand aber darin, einen komplett neuen, modernen und den Ansprüchen einer medizinischen Klinik gerechten Krankenhausbau zu fordern und durchzusetzen. Die „Neue Klinik“, diesen Namen sollte sie noch Jahrzehnte nach ihrem Bau behalten, war nach den Standards der modernen Krankenhausplanung konzipiert. Sie besaß multifunktionale Räume, große Fenster und eine praktische Infrastruktur.

     

    Während dieser Zeit befasste sich Ana Aslan eingehend mit den Studien des Neurologen Constantin L. Parhon, der nach dreißigjährigen klinischen Experimenten zu der Ansicht gelangt war, dass Altern eine Krankheit sei, die behandelt werden könne. „Wenn der Mensch vor dem Ablauf seiner Lebensuhr stirbt, muss dieser frühe Tod krankheitsbedingt sein. Und Krankheiten kann man heilen.“ Parhon war Direktor des Instituts für Endokrinologie (Drüsenkrankheiten) in Bukarest. Ana fuhr einmal monatlich in die Hauptstadt, um mit ihm zu sprechen. Parhon war ein Pionier der Gerontologie. Er glaubte an die Möglichkeit der „Verjüngung“ und bestritt, dass das Leben ein Prozess sei, der wie eine Einbahnstrasse nur in eine Richtung verlief. Seine Patienten behandelte er mit epiphysischen Pflanzenextrakten (epiphysisch = aufgepfropft, also von aufgepfropften Pflanzen stammend), mit Keimdrüsenpräparaten, mit Insulin und Vitamin E. 1909 hatte er sein erstes Buch über Endikronologie veröffentlicht, 1955 kam „Die Biologie des Alters“ heraus, das in zahlreiche Sprachen der Welt übersetzt wurde. Der Wunsch nach Überwindung des Todes mag unrealistisch erscheinen oder eher dem Bereich der Religion und des Glaubens anzugehören als der seriösen Wissenschaft. Sein eigentliches Potential besteht aber im Glauben an die Veränderbarkeit der Welt zu einer besseren. Es war diese Überzeugung, die Ana Aslan und Constantin L. Parhon gemeinsam hatten, und die sie in ihren Forschungen tatsächlich auf Ergebnisse stoßen ließen, die zwar nicht zum ewigen Leben führten, den Prozess des Alterns aber zeitlich verzögern und vor allem lebendiger und menschenwürdiger gestalten können.

     

    Parhon setzte seine Überzeugungen auch im politischen Leben in die Tat um. Am 2. April 1948 wurde er Staatsoberhaupt der „Republika Populara România“ (der Volksrepublik Rumänien).

    Procain: eine Entdeckung

    Im Jahre 1946 veröffentlichte Ana Aslan ihre erste Untersuchung zum Wirkstoff Procain. Die Idee hatte sie bereits während ihrer Tätigkeit als Kardiologin. Damals interessierte sie sich besonders für Arterienerkrankungen und behandelte ihre Patienten nach der Methode des bekannten französischen Chirurgen René Leriche, der gegen diese Erkrankungen Procain injizierte. In den Jahren 1946 bis 1949 erzielte sie sehr gute Therapieerfolge mit dieser Behandlung und begann nun damit, sie auch bei chronischen Arthroseerkrankungen, die meist erst im fortgeschrittenen Alter auftreten, einzusetzen. In Timissoara injizierte sie den betroffenen Patienten den Wirkstoff vaskulär und regelmäßig über einen längeren Zeitraum. Sie bemerkte bald eine leichte Linderung der Symptome, vor allem aber eine deutliche Verbesserung des Allgemeinbefindens der behandelten Patienten. Sie begannen, die Lust am Leben wieder zu entdecken, lasen, unterhielten sich angeregt und interessierten sich plötzlich wieder für ihre Zukunft und ihre Familien. Außerdem schienen sie einen tiefen und erholsamen Schlaf zu haben. Es lag also nahe, anzunehmen, dass Procain einen ganzheitlichen positiven Effekt in Bezug auf die psychophysische Verfassung der Patienten hatte und ihnen vor allem eines bescherte: eine höhere Lebensqualität. Die Grundlagen für die Entwicklung von Gero-H3-Aslan waren gelegt.

     

    Einen Durchbruch verzeichnete Ana Aslan am 15. April 1949. Ein junger Medizinstudent mit einer schweren Kniearthrose kam in ihre Klinik. Er hatte große Schmerzen und konnte sein Knie seit drei Wochen nicht mehr bewegen. Sie weihte ihn in ihre Versuche mit Procain ein und bekam schließlich sein Einverständnis, ihm den Wirkstoff arteriell zu verabreichen. Sie injizierte ihm eine 1% Lösung und mußte nicht lange auf das Ergebnis warten, das an ein Wunder grenzte. Schlagartig konnte er das Knie wieder bewegen und sein Bein schmerzfrei ausstrecken. Sie setzte die Behandlung weitere zwei Wochen fort, bis der Student sich vollkommen erholt hatte.

     

    Nach diesen eindeutigen Erfolgen begann Ana Aslan nachzudenken. In der Nähe der Klinik befand sich der Park von Timissoara. Hier saß sie oft nachmittags, wenn sie sich eine kurze Pause von ihrer Arbeit gönnte und sah den Alten zu. Da war beispielsweise immer dieses alte Ehepaar. Die beiden gingen stets mit kleinen Schritten aneinandergelehnt, um sich gegenseitig zu stützen. Sie redeten nie, aber ihre gealterten, faltigen Gesichter erzählten genug über ihre vielen gemeinsamen Jahre. Ein anderer älterer Herr saß - auf seine Krücken gestützt - auf einer Bank, den Kopf in den Händen haltend. Er verkörperte Verzweiflung. Warum, fragte sich Ana Aslan, sollte diesen Menschen nicht zu helfen sein? Immer wieder kehrte sie in den Park zurück. Sie fühlte tiefe Sympathie und Anteilnahme für diese Alten. Wenn der junge Student nach den Injektionen wieder laufen konnte, und die anderen Patienten sich nach regelmäßigen Behandlungen mit Procain lebendiger fühlten, warum sollte die Wirkung bei diesen hier nicht genauso positiv sein? Stattdessen hatte man sie abgeschrieben. Ana war wie besessen von dem Gedanken, ihnen zu helfen und sie ins Leben zurückzuholen.

     

    Schließlich beschloß sie, mit ihren Ergebnissen nach Bukarest zu gehen. Prof Danielopolu riet ihr, Parhon umgehend in die Resultate ihrer Versuche einzuweihen. Sofort galt es diesem bei ihrem Bericht als erwiesen, dass Procain einen positiven Einfluss auf den Alterungsprozess habe. Er riet ihr, die Untersuchungen fortzusetzen und lud sie ein, die Leitung seiner Bukarester Experimentellen Abteilung zu übernehmen. Er würde alle notwendigen Vorkehrungen umgehend treffen, wenn sie nur zusagte! Es schien ihm genauso dringlich wie ihr selbst zu sein, und ein paar Monate später war sie zurück in Bukarest. Das Abenteuer hatte in Timossoara begonnen und erfuhr in der Hauptstadt seine Fortsetzung. Aber es war dort, wo der eigentliche Kampf erst beginnen sollte.

     

    Als sie im Herbst 1949 ihre Ergebnisse der Rumänischen Akademie der Medizin präsentieren wollte, bemerkte sie, daß sich Neid unter den Kollegen breit gemacht hatte. Die Wissenschaftler Milcu, Lupu, Nicolau und Benetato argumentierten wie im Chor gegen sie. Sie forderten mindestens 25 Fälle als Beweis und lehnten es schließlich ab, Aslans Bericht bei der nächsten Sitzung der Akademie Gehör zu geben. Sie nahm den Rückschlag einigermaßen gelassen hin. Schließlich hatte Alzheimer seine Beobachtungen auf nur einen einzigen Fall gestützt und Hodgkin lediglich auf sechs. Beide hatten bekanntlich Recht behalten. Der ihr von Kindheit an eigene Kampfgeist machte sie gegen Niederlagen immun. Nach und nach sollten die Angriffe Ana nur noch ehrgeiziger machen. Das Leben wäre langweilig ohne Auseinandersetzungen, doch in nicht wenigen Fällen verließen die Streitigkeiten mit den Kollegen den akademischen Diskurs und wurden persönlich. Wie konnte eine Frau sich anmaßen, mit ihnen gleich tun zu wollen oder sie gar zu übertreffen? Großmütig verzieh sie bald den Kleingeistern.

    Gründung des Instituts für Gerontologie und Geriatrie

    In unmittelbarer Nachbarschaft befand sich ein kleines Altersheim, das Ana Aslan und Constantin L. Parhon im November 1949 regelmäßig zusammen aufzusuchen begannen. Bei einer Visite dort kam Ana schließlich auf die Idee, ein Institut zu eröffnen, das sich ausschließlich der Erforschung von Symptomen und Behandlungsmethoden widmen sollte, die den Alterungsprozess des Menschen betreffen: ein Institut für Gerontologie und Geriatrie. Aufgrund ihrer früheren Erfahrungen befürchtete sie jedoch, dass die Akademie sie nicht anhören würde. Parhon dagegen hatte dort großen Einfluß und war außerdem, das war wohl das Entscheidende, ein Mann. Es war wie damals, als sie aus taktischen Gründen den Namen Prof. Danielopolus als Ko-Autor einsetzten musste, um ihre medizinischen Fachartikel veröffentlichen zu können. Auch diesmal ging es ihr wieder mehr um die Sache als um den Ruhm. Im folgenden Jahr brachte sie den Freund endlich dazu, den Vorschlag für das Institut mit ihr zusammen auszuarbeiten und im Jahre 1951 wurde dieser der Rumänischen Akademie für Medizin präsentiert. In dem Exposé attestierte Parhon - als offizieller Federführer -, dass alle bisherigen den Alterungsprozess betreffenden Untersuchungen außerordentlich vielversprechend seien und dass die Verhinderung vorzeitigen Alterns als ein Aspekt mit zunehmender sozio-medizinischer Bedeutung anzusehen sei. Es sei daher sinnvoll, wenn nicht gar überfällig, Spezialisten auf dem Gebiet der Alterswissenschaften auszubilden und zu diesem Zweck ein eigenes Institut für Gerontologie und Geriatrie zu gründen. Am 21. Januar 1952 nahm die Akademie den Vorschlag an. Das weltweit erste Institut dieser Art war beschlossen und wurde bald darauf gegründet. Offizieller Leiter war zunächst Prof. Constantin L. Parhon mit Prof. Ana Aslan als stellvertretender Direktorin an seiner Seite. Am 11. März des gleichen Jahres wechselten die beiden schließlich die Posten, eine pure Formalität, mit der man nur gewartet hatte, um die konservativen Gemüter der Akademie nicht sinnlos zu verunsichern, was das Projekt vielleicht gefährdet hätte.

     

    Die folgenden Jahre des Aufbaus waren ohnehin von einer intensiven Zusammenarbeit zwischen den beiden seelenverwandten Wissenschaftlern geprägt. Probleme wurden gemeinsam gelöst und Dokumente gemeinsam unterzeichnet. Ab diesem Zeitpunkt begann Ana Aslan ihre typische Unterschrift zu benutzen: „Prof. Dr. A. Aslan“, die in den kommenden Jahrzehnten als Markenzeichen auf den Schachteln ihrer Präparate um die ganze Welt gehen sollte.

    Aufbau

    Das Institut wurde untergebracht in einem weitläufigen Gebäude, das 1894 auf Veranlassung von Königin Elisabeth, Gemahlin Karls I. von Hohenzollern, erbaut worden war. Es bestand aus einem 70 Meter langen rechteckigen Bau mit drei Stockwerken. Der lange Mittelgang war mit kunstvollen Mosaiken verzier, und die Außenfassade trug die Symbole aller Regionen Rumäniens in grünem Terra-Cotta. Die Struktur des Gebäudes entsprach den räumlichen Anforderungen des Instituts in vollkommener Weise. Es gab eine Krankenhaussektion mit 70 Betten, eine Pflegesektion mit 110 Betten sowie eine Abteilung für ambulante Behandlungen. Die Geschicke des Institutes, Management, Organisation und Forschung unterstanden bald vollständig Ana Aslan, während sich Parhon auf eine Beraterposition zurückzog. Sie führte Abteilungen für „Klinische Gerontologie“ und für „Biologie des Alterns“ ein. Dr. Cornel David, der bei Prof. Vaques in Frankreich und bei Prof. Volhard in München studiert hatte, wurde als Chefarzt für die Krankenhausklinik gewonnen. Später wurde er stellvertretender Direktor (und blieb es bis 1974). In der Abteilung für „Biologie des Alterns“ wurden Laboratorien für Physiologie, Immunologie, Biochemie, Biophysik, Genetik und Gewebekultur eingerichtet. In einem Anbau gab es ein spezielles Laboratorium für Tierversuche mit Hasen, Meerschweinchen und Ratten.

     

    Mit 25 Pflegepatienten führte Ana Aslan über Jahrzehnte kontinuierliche Untersuchungen und Behandlungen durch. Bis zum Jahre 1969 wuchs diese Gruppe an auf 110 Fälle und im Jahre 1989 waren immer noch 29 Patienten unter Beobachtung. Die ambulante Abteilung wurde darauf ausgerichtet, geriatrische Fürsorge für ganz Bukarest zu leisten. Ein weiteres Speziallabor für Pathologie und Histochemie (Wissenschaft vom Aufbau der Gewebe) wurde eingerichtet. Ana Aslan wollte jedoch mehr als nur eine gute Klinik führen. Aus den vielen Gesprächen mit Constantin L. Parhon gingen weit kühnere Wunschgebilde hervor. Sie wollte, dass alle Menschen von ihrer Methode würden profitieren können, und zwar nicht erst dann, wenn sich die Symptome altersbedingter Verschleißerscheinungen schmerzhaft bemerkbar machten, sondern schon vorher zur Vorbeugung müssten Maßnahmen ergriffen werden. Sie träumte von einem, dem ganzen Volk frei zur Verfügung stehenden prophylaktischen Gesundheitssystem, das allen Menschen die Chance geben würde, in Würde und Gesundheit möglichst alt zu werden.

     

    1957 kam das Präparat auf den Markt, mit dem Ana Aslan ihre Patienten behandelte: Gero-H3 Aslan. Zusammen mit der Chemikerin Elena Polovrageanu war es in einem Labor des Instituts gelungen, ein Procain Molekül in einer neuen chemischen Formel zu stabilisieren. Damit war Grovital H3 geboren, ein Produkt, das um die Welt gehen sollte und bis zum heutigen Tage mehr als 150 Mal zu imitieren versucht wurde. Im Juli 1958 gab Ana Aslan das Protokoll der Experimente an das staatliche Büro für Erfindungen weiter und erhielt am 19. November 1958 das Patent für „Gerovital H3: Procain Produkt für die Behandlung des Alters und anderer Stoffwechsel- und Ernährungskrankheiten“, wie die Eintragung unter der Nummer 42270 skurrilerweise lautete.

    Rückschläge

    Während der 50er Jahre war Rumänien auf Grund des Kalten Krieges relativ abgeschottet von der westlichen Welt. Nur wenige Informationen über die Arbeit des Instituts gelangten an die Weltöffentlichkeit. Vor allem kranken Menschen, die von ihren Ärzten als unheilbar eingestuft wurden, lag es am Herzen, Ana Aslans Methode kennenzulernen. Eine Behandlung mit Procain erschien ihnen als letzte Hoffnung auf Linderung oder gar Heilung ihrer Altersbeschwerden. In England beispielsweise wurde der Druck der öffentlichen Meinung mit einem Male so groß, dass sich die britische „Medical Society for the Care of the Elderly“ (Gesellschaft für medizinische Altersfürsorge) gezwungen sah, Prof. Ana Aslan einzuladen.

     

    Am 18. November traf sie 62jährig und jugendlich strahlend wie je zuvor in London ein. Ihre Energie und ihre Vitalität nahmen selbst die aus Neugier angereisten Gerontologen mit Erstaunen wahr. Tag und Nacht währte der Ansturm der hilfesuchenden Patienten in ihrem Hotelzimmer. Bei offiziellen Anlässen behandelte man sie jedoch auf typisch britische Art: höflich aber distanziert. Unter der Oberfläche blieb in all dem spürbar, dass ihr aus bestimmten Journalisten- und Medizinerkreisen Zweifel und Feindseligkeiten entgegenschlugen.

     

    Bereits zwei Jahre zuvor, bei ihrem allerersten Auftritt in einem westlichen Land, anlässlich des Therapie-Kongresses in Karlsruhe am 3. September 1956, hatte sie bittere Erfahrungen machen müssen. Ihre Überlegungen, das Alter oder gar den Tod durch die von ihr entwickelten Behandlungsmethoden mit Procain hinauszögern zu können, wurden auf dem angesehenen Kongress als zweifelhaft abgetan. Man bezeichnete sie spöttisch als Wunderheilerin oder nannte ihre Behauptungen gar blasphemisch. Vehement verlangte man als Beweis für den Erfolg der Anwendung umfangreichere Studien, als sie zu diesem Zeitpunkt vorweisen konnte. Insbesondere beharrte man mit wissenschaftlichem Dogmatismus auf sogenannten Doppelblindstudien und anderen abstrakt wissenschaftlichen Instrumentarien und missachtete vollkommen Ana Aslans langjährige Erfahrung im direkten Umgang mit ihren Patienten. War es wiederum die alte Ablehnung, die der Erfolg von Frauen in einer Männerdomäne hervorrief? Waren es Dünkel gegen ihr Herkunftsland? Oder war es banaler Neid? In Karlsruhe nicht anerkannt zu werden, verletzte sie sehr. In London jedoch hatte sie bereits gelernt, mit den Widerständen umzugehen. Trotz der eisigen Resonanz aus Fachkreisen und der überaus hohen Belastung durch Gesprächsmarathons mit hunderten von Patienten, die bei ihr Hilfe suchten, hielt sich Ana Aslan tapfer und blieb dabei ruhig und einfühlsam bis zur letzten Begegnung.

     

    Sie war von ihren Therapien überzeugt und durchdrungen: „Ich weiß, dass ich recht habe! Die Procaintherapie ist der Schlüssel zur Bekämpfung der Alterskrankheiten. Irgendwann einmal werden das alle Mediziner erkennen. Es wird immer Menschen geben, die Entdeckungen machen und diese neuen Entdeckungen beweisen und verteidigen, und andere, die diese neuen Verfahren, die ja auch Veränderungen des Altgewohnten mit sich bringen, ablehnen und angreifen. Nur leider sind die Ärzte, die heute noch meine Behandlungsmethoden ablehnen und angreifen, ausgerechnet diejenigen, die die Therapie gar nicht kennen und überhaupt nicht die Kompetenz besitzen, sie anzuwenden, geschweige denn zu beurteilen.“

    Erfolg und Entwicklung

    Allen Unkenrufen zum Trotz wurde sie im Jahre 1959 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Vorsitzenden für prophylaktische Medizin und Hygiene ernannt. Immer mehr Aufgaben kamen auf sie zu, während ihr Institut für Gerontologie und Geriatrie in Bukarest stetig wuchs. Immer näher kam Ana Aslan der Erfüllung ihres Lebensziels: Den älteren Menschen zu helfen, die sie praktisch seit ihrer Kindheit so aufrichtig liebte und denen sie ihr eigenes Leben zur Gänze widmete. Noch immer waren die Missstände auf diesem Gebiet groß. Im Sommer 1960 beispielsweise wurde der total verwahrloste und abgemagerte Parsek Margosian in die Klinik aufgenommen. Man hatte ihn in der Strada Caldarusani, in der sich das Institut befand, einfach abgeladen. Er war 105 Jahre alt, wog 47 Kilo und war völlig abgestumpft. Selbst Ana Aslan hatte wenig Hoffnung, ihm in diesem Zustand noch helfen zu können und hielt eine Procain-Therapie nicht mehr für sinnvoll. Dennoch begann sie schließlich, da sie nichts unversucht lassen wollte, ihm den Wirkstoff regelmäßig zu injizieren. Und tatsächlich: der Patient erholte sich glänzend, nahm an Gewicht zu und starb 11 Jahre später im biblischen Alter von 116 Jahren! Ein Ausnahmefall, wie Ana Aslan selbst betonte: „In einem solchen Alter ist die Revitalisierung kaum noch möglich. Aber wenn man mit 45 oder 50 beginnt, dann sind die Kuren mit größter Wahrscheinlichkeit erfolgreich.“

     

    Das Forschungsprogramm des Instituts umfasste inzwischen folgende Bereiche:

    • Studium des dritten Lebensalters anhand von pathologischen Untersuchungen,
    • Altersprophylaxe und Therapie, sowie
    • die Organisation und Ausrichtung der Betreuung von Menschen im dritten Lebensalter.

     

    Es wurden nun immer aussagekräftigere empirische Studien durchgeführt. Die umfangreichste umfaßte die Beobachtung von insgesamt 15.000 Industriearbeitern über einen Zeitraum von zwei Jahren. Etwa die Hälfte der Probanden wurde sogar über einen Zeitraum von acht Jahren beobachtet. Dies sind Größenordnungen, die für heutige Verhältnisse unvorstellbar sind und die wahrscheinlich nur in einem kommunistischen Land möglich waren. Eine Studie dieses Ausmaßes wäre, angesichts der Tagessätze, die Versuchspersonen in medizinischen Studien heute in der Regel erhalten, kaum mehr finanzierbar. Allerdings sind die wissenschaftlichen Verfahren heute so ausgereift, dass mit deutlich kleineren Probandenzahlen gesicherte Erkenntnisse gewonnen werden können. Die Forschungsleistung, die Ana Aslans Institut damals erbrachte, bleibt allerdings ungeheuerlich.

     

    Zur „klinischen Gerontologie“ und zur „Biologie des Alters“ kam zur Ergänzung des Forschungskomplexes nun noch die wichtige Abteilung für „Sozio-Gerontologie“ dazu, die sich den gesellschaftlichen Aspekten menschlichen Alterns widmete. Gerontologie und Geriatrie entwickelten sich langsam, aber sicher von einer Randwissenschaft zu einer alle Bereiche umfassenden Gesellschaftswissenschaft. Interdisziplinäres Arbeiten wurde fortan für Ana Aslan zur Devise. Ihre Untersuchungen bezogen nicht nur Ärzte und Biologen mit ein, sondern auch Soziologen, Psychologen, Demographen, Biophysiker, Pharmakologen und sogar Mathematiker und Ökonomen.

    Internationale Anerkennung

    Diese Errungenschaften blieben schließlich nicht unbemerkt. Während des Internationalen Symposiums für Gerontologie, das 1963 in Kiew stattfand, wurde das Institut für Gerontologie und Geriatrie Bukarest zum zweiten Male öffentlich von der Weltgesundheitsorganisation ausgezeichnet. Es wurde dort als weltweites Modell für alle anderen Einrichtungen dieser Art anerkennend gewürdigt.

     

    Ana Aslans Bekanntheitsgrad unter den Spezialisten für Gerontologie und Geriatrie begann nun rasant anzusteigen. Mehr und mehr Ärzte und Wissenschaftler kamen nach Bukarest. Sie reisten aus Deutschland, Italien, Frankreich, den Vereinigten Staaten, Argentinien, Australien und Kanada an. Patienten in der ganzen Welt wollten von nun an von Prof. Dr. Ana Aslan behandelt werden. Sie bereiste den gesamten Erdball als Botschafterin für ihr Anliegen, dem Kampf gegen das Altern.

     

    Sie wurde von bedeutenden Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft herbeigebeten und erhielt sogar eine Einladung ins Weiße Haus in Washington. Die Liste der Ehrungen und Auszeichnungen, die sie in der folgenden Zeit erhielt, liest sich wie eine beispiellose Erfolgsstory. 1965 erhält sie die Mitgliedschaft in der amerikanischen Gesellschaft für Gerontologie, 1968 wird sie in die Academy of Science in New York aufgenommen. 1971 erhält sie das Bundesverdienstkreuz erster Klasse und 1978 wird sie Nationale Delegierte für Gerontologie bei der UNO.

     

    Im Jahre 1974 avancierte das Institut zum „Nationalinstitut für Gerontologie und Geriatrie Rumäniens“ (NIGG) mit insgesamt 680 Mitarbeiter, die allesamt aktiv an den Untersuchungen sowie am Bereich der Altersfürsorge beteiligt waren. Ana Aslan erhielt den Titel einer„Generaldirektorin“.

    Neue Errungenschaften wurden gemacht, wie zum Beispiel ein chronobiologisches Laboratorium, in dem fortan die zeitlichen Gesetzmäßigkeiten im Ablauf von Lebensvorgängen erforscht wurden.

    Die Aufnahme von wichtigen neuen Mitarbeitern, wie z. B. Physiotherapeuten, erfolgte. Heute sind sie aus keiner solchen Einrichtung mehr wegzudenken.

     

    In ganz Rumänien wurden nun unter der Aufsicht Ana Aslans geriatrische Kliniken gegründet. Ein alter Traum von Ana und Constantin L. Parhon schien wahr zu werden: der Aufbau einer umfassenden geriatrischen Volksfürsorge, und zwar nicht nur zur Behandlung vorhandener Symptome, sondern auch zur Prophylaxe. 218 geriatrische Kliniken wurden im Land errichtet. Jeder Rumäne und jede Rumänin erhielten schließlich das Recht, dreimal im Jahr eine kostenlose Aslankur durchzuführen!

     

    Während dieser Zeit wurden auch die ersten geriatrischen Hotelkliniken eröffnet. In ihrer Eröffnungsrede für die Park Hotel Klinik im Juli 1974 benannte Ana Aslan die Prinzipien, die eine solche Institution leiten sollten: Qualifizierte medizinische Untersuchung und Versorgung unter Hotelbedingungen. Patienten könnten sich in der Atmosphäre eines Hotels besser erholen als in einem sterilen und funktional ausgerichteten Krankenhaus. Hauptsächlich für Patienten aus dem Westen, die sich in Rumänien nach der Aslan’schen Methode behandeln ließen, wurden nun einige sehr komfortable Therapiezentren in Hotels eingerichtet, die westlichem Standard entsprachen und noch dazu in touristisch attraktiven Regionen, beispielsweise am Meer, lagen. So entwickelte sich die Aslan Therapie für das kommunistische Rumänien zum Devisenmagneten.

    Nachwort

    Prof. Aslan, waren Sie jemals verliebt?

     

    „Ja, dreimal. Einmal, als ich noch ganz jung war, das war nicht ganz einfach... und dann wieder, viel später...

     

    ...Daniel Danielopolu war ein außergewöhnlicher Mann. Er war ein leidenschaftlicher Wissenschaftler und hat sich vollkommen seiner Arbeit gewidmet. Wenn er eine Idee hatte, konnte nichts und niemand ihn dazu bringen, das Labor zu verlassen. Er war ein guter Lehrer. Ich begleitete ihn ab und zu bei seinen Vortragsreisen nach Paris... das waren Gelegenheiten größten geistigen und seelischen Vergnügens! Es war wunderbar, mit ihm eine Unterhaltung zu führen, er konnte dabei sehr affektvoll sein. Er hatte wunderschöne Augen von der Farbe und der Tiefe des Meeres, und ich liebe das Meer. Ich liebe es sehr...

     

    Später traf ich Alecu Zaamfirescu, den Enkel des Schriftstellers Duiliu Zamfirescu, ein unglaublich kultivierter Mann. Er war Sekretär des Außenministers und später Botschafter in mehreren Ländern. Er hatte Freunde auf der ganzen Welt... Die Gedichte, die er für mich geschrieben hat, habe ich alle aufgehoben...“

     

    Sie haben nie geheiratet, waren aber immer umgeben von verheirateten Männern? Warum?

     

    „Ich bin eine Person, die das, was sie tut, sehr ernst nimmt. Ich musste frei sein und mit mir und meiner Zeit frei umgehen können. Ich respektiere die Institution der Familie, aber ihre Bande stellen starke Verpflichtungen dar.....

    .....Ich fühlte, dass ich etwas bewegen konnte, und ich war entschlossen, mein Bestes zu geben.

     

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